Nichts mehr, wie es war

„Auf einmal war nichts mehr wie es war…“

Ende November hat sich unser vierjähriger Sohn Lenny von Omas Taschengeld im Baumarkt einen dieser bunten Nussknacker gekauft. Es war ein Holzsoldat, ca. 40 cm groß, der mit dem Kiefer die Nüsse knackt. Ein guter Augenblick, um ihn zu überreden, nun auch einmal eine Nuss zu probieren, da wir annahmen, dass er nur „kaufaul“ ist. Bis zu diesem Augenblick hatte er jede Nuss, Flips o.ä. gemieden. Heute vermuten wir, dass er gespürt hat, dass er diese Dinge nicht essen darf.
Aus lauter Freude über seinen neuen Nussknacker hat er damit eine Erdnuss, die wir extra gekauft hatten, geknackt und gleich hinein gebissen und sie gegessen. Bei der zweiten Erdnuss begann er laut zu schreien und zu weinen und spuckte diese wieder aus. Er schrie immer nur: „Die Nuss war so scharf!“ Dann schwoll seine Unterlippe mit zwei Beulen an und wir legten ihn aufs Sofa. Nach einigen Minuten begann er zu erbrechen und rang nach Luft, wodurch uns klar wurde, dass das eine allergische Reaktion war. Mein Mann sagt heute noch: „Gut, dass ich zuhause war, sonst könnte ich es mir nicht vorstellen.“ Wir sind umgehend zum Kinderarzt gefahren. Zwischen der ersten Nuss und dem Eintreffen beim Kinderarzt lag fast eine Stunde. Beim Kinderarzt bekam Lenny ein Kortison-Zäpfchen und es ging ihm zunehmend besser. Dennoch meinte unser Kinderarzt, dass es besser wäre, wenn wir ins Krankenhaus fahren würden. Diesen Rat befolgten wir zum Glück und fuhren direkt von der Praxis ins Krankenhaus. Als wir noch ca. 10 km zu fahren hatten, baute Lenny wieder ab. Unsere Ängste und Gefühle kann ich nicht beschreiben. Wir kamen noch rechtzeitig im Krankenhaus an und Lenny konnte weiter behandelt werden. Sollte wieder so etwas passieren, dann wird auf jeden Fall ein Notruf abgesetzt und ein Rettungswagen bestellt.
Seitdem hat sich unser Leben sehr verändert. Als noch im Krankenhaus die Diagnose „Erdnuss Cap 6“* kam, da dachten wir noch: „Was soll es! Lassen wir die Erdnuss halt weg, die mag Lenny sowieso nicht.“ Doch nach weiteren Gesprächen mit den Ärzten und Recherchen im Internet war uns klar, es ist lebensgefährlich für unseren Sohn. In den ersten Tagen kamen uns bei diesem Gedanken regelmäßig die Tränen.
Dennoch hat es einige Zeit gedauert, bis wir das ganze Ausmaß dieser Allergie begriffen haben und auch jetzt überrollt es uns noch manchmal in bestimmten Situationen.
Wir fragen uns immer noch, was die Erdnuss in so vielen Lebensmitteln zu suchen hat? Warum sie einem an den unmöglichsten Orten begegnen kann und wie es sein kann, dass diese harmlos aussehende Hülsenfrucht unser Kind umbringen kann?
Seitdem lesen, reden, hören, recherchieren und informieren wir uns fast täglich und sind wie all die anderen Betroffenen zu Experten geworden, was die Sicherung unseres Kindes angeht.
Leider ist es oft sehr schwer, dass Umfeld für dieses Thema zu sensibilisieren bzw. Menschen zu motivieren, die Verantwortung zu übernehmen. Mein Mann und ich handeln nun immer nach dem Motto: „Bitte bezieht unseren Sohn mit ein“ und machen dabei z.T. sehr positive Erfahrungen.
Obwohl diese Thematik für den Kindergarten ganz neu war, haben sich die Erzieherinnen diesem von Anfang an gestellt und uns signalisiert: „Das bekommen wir hin.“ Gerade die Gruppenleitung hat sich umgehend eingelesen und viele Gespräche mit uns geführt. Der Kindergarten war zu dieser Zeit der einzige Ort, wo sich unser Kind nicht in unserer Reichweite befand. Die Gruppenleitung zeigte sich sehr empathisch und gleichzeitig sehr verantwortungsbewusst. Sie hat uns enorm viel Sicherheit gegeben und sollte sie dieses hier einmal lesen, dann möchten wir uns hier noch einmal ausdrücklich bei ihr dafür bedanken. Die Erzieherinnen ziehen mit uns an einem Strang und bemühen sich, Lenny nicht auszugrenzen (z.B. gesonderte Kost zu vermeiden oder ihn an allem teilnehmen lassen).
Der Oberarzt unserer Kinderklinik hat eine Schulung für das Kiga-Personal, unsere Familien und Freunde durchgeführt. Daran hat sogar die Köchin des Restaurants „Zum braunen Hirschen“ teilgenommen. Dieses Restaurant beliefert den Kindergarten mit dem Mittagessen und sie sorgen dafür, dass unser Sohn auch hier mit einbezogen wird und keine Sonderstellung erhält. Danke!
Wir haben dem Ganzen auch etwas Positives abgerungen:
Nie im Leben hätten wir freiwillig die kleingedruckten Zutatenlisten auf den Lebensmitteln durchgelesen. Wir sind nun an einem Punkt angekommen, wo wir uns fragen: Was macht die Lebensmittelindustrie mit uns? Warum braucht ein Lebensmittel unzählig viele Inhaltsstoffe? Warum sind im Vanilleeis über 20 Zutaten?
Unsere Ernährung hat sich komplett geändert. Molekulare Fertigprodukte werden gemieden. Wir essen nun sozusagen bewusster, indem wir wirklich lesen und nachdenken, was wir essen. Regelmäßig beziehen wir nun verschiedene Lebensmittel in ursprünglicher Art direkt vom Bauern, vermeiden Plastikverpackungen oder kaufen unser Wasser wieder in Glasflaschen.
Für uns selber haben wir schon oft gemerkt, dass wir in Bezug auf unser Umfeld nicht leichtsinnig werden dürfen. Und das wir noch viel Arbeit vor uns haben, um unser Umfeld positiv und richtig über den anaphylaktischen Schock zu informieren. Aber step by step machen wir schon immer mehr. Essen gehen ist nun schon in einigen Restaurants möglich, sogar in einem gut befreundeten chinesischen Restaurant. Aber nie ohne Fragen und Rückversicherung…
Unser nächstes Ziel: Fliegen und unbeschwert Urlaub machen…
* CAP 6 = höchste Klasse für die Messung allergenspezifischer IgE-Werte im Blut

Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

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