Ein neues Wort

„Der Tag, an dem ich ein neues Wort lernte: Anaphylaxie“

„Unser Sohn war fast vier, als er Anfang 2011 eines Abends zum ersten Mal in seinem Leben eine Cashewnuss probierte. Kurz danach klagte er über Schmerzen im Mund und seine Lippe schwoll an. Wir gaben ihm ein Antihistaminikum und warteten ab. Wenige Minuten später schlief er auf meinem Schoß ein. Wir vermuteten, dass das Medikament ihn müde gemacht hatte, und da es Abend war, legten wir ihn einfach ins Bett. Nach einer Weile hörten wir aus dem Kinderzimmer seltsame Geräusche: Unser Sohn übergab sich mehrmals heftig und hatte starke Atemnot. Sein Notfallspray half nicht, und so fuhren wir ins 10 Minuten entfernte Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass er schon grau im Gesicht war und zu wenig Sauerstoff hatte. Er bekam Fenistil, Cortison und Sauerstoff und wurde zur Überwachung auf die Intensivstation verlegt. Dort ging es ihm schnell besser. Allerdings sah er fürchterlich aus, denn es breiteten sich rote Quaddeln über seinen ganzen Körper aus, die nach und nach zu einer einzigen roten Fläche verschwammen. Am nächsten Tag war es so, als sei nichts gewesen. Wir wurden mit der Diagnose „Anaphylaxie“ (???) und der Empfehlung für eine Notfallspritze nach Hause entlassen.
Keine weitere Diagnostik, keine Schulung, keine Ahnung. Wir mieden also Cashewnüsse und führten ein Notfallset mit uns.
Im folgenden Sommerurlaub hatten wir zwei weitere anaphylaktische Reaktionen: Einmal nach einem Restaurantbesuch, bei dem unser Sohn Pommes, Vanilleeis und einen Bissen Pfannkuchen gegessen hatte – alles ohne Nüsse. Wieder klagte er über Schmerzen im Mund, dieses Mal unter der Zunge. Es war nichts zu sehen, aber wir gaben vorsorglich das Antihistaminikum. Etwa eine Stunde später übergab er sich wieder heftig und hatte starke Atemnot. Wir gaben Cortison und riefen den Notarzt. Die Spritze anzuwenden trauten wir uns nicht – aus Angst, etwas falsch zu machen. Als der Notarzt erst 35 Minuten später eintraf, ging es ihm bereits besser. Die nächste Reaktion verlief anders: Vier Stunden nach seiner letzten Mahlzeit – einem Brötchen mit Mortadella ohne Pistazie – bekam unser Sohn am Strand plötzlich einen roten Ausschlag, der sich rasch über den gesamten Körper ausbreitete. Wir gaben Cortison und duschten ihn ab, weil wir eineHautreaktion auf Sonnenmilch oder Ähnliches vermuteten. Kurz darauf wurde ihm übel, er wurde gelb im Gesicht, um den Mund herum bildete sich ein blasses Dreieck, und er verlor das Bewusstsein. Wir riefen den Notarzt und versuchten in Panik die Notfallspritze anzuwenden, was uns leider technisch nicht gelang. Als der Notarzt kurze Zeit später eintraf, war unser Sohn wieder zu sich gekommen und wurde zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.
Ein paar Wochen später bekamen wir endlich eine klare Diagnose: hochgradige Allergie auf Cashewnüsse und Pistazien. Es folgte ein Provokationstest auf Pistazie, der leider nicht so harmlos und kontrolliert verlief, wie es normalerweise der Fall ist. Nachdem unser Sohn auf die erste 5 mg Pistaziengabe außer mit einer leichten Lippenschwellung überhaupt nicht reagiert hatte und die Menge nach und nach weiter gesteigert wurde, reagierte er vollständig anaphylaktisch: erst mit Bauchkrämpfen, Atemnot, Nesselsucht – etwas später mit einem anaphylaktischen Schock, d.h. Panik, Atemnot, Schwellung am ganzen Körper, Erbrechen, Blutdruckabfall, Bewusstlosigkeit, verlangsamter Herzschlag. Er wäre fast gestorben – an 1,6 Gramm Pistazien. Bei wieviel Milligramm die anaphylaktische Reaktion eingesetzt hat, lässt sich im Nachhinein nicht mehr ermitteln.
Im Herbst 2011 konnten wir an einer intensiven Eltern-Anaphylaxieschulung teilnehmen. Seitdem fühlen wir uns im Umgang mit der Allergie sicherer.
Inzwischen ist unser Sohn (laut Test) auch allergisch gegen Haselnüsse, Walnüsse und Paranüsse. Wie er auf diese Nüsse reagieren würde, wissen wir nicht. Wir meiden alle Nüsse und Spuren von  Nüssen. Ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Er war im Kindergarten, hat die Musikschule und einen Schwimmkurs besucht, er geht zu Kindergeburtstagen und in den Sportverein. Er trifft sich regelmäßig mit Freunden, auch zum Übernachten. Inzwischen geht er in die Grundschule, wo sich alle super auf die Allergie eingestellt haben. Auch dort nimmt er an allen Ausflügen und Projekten teil. Einziger Unterschied: Er isst nur das, was wir als Eltern abgesprochen und freigegeben haben; das Notfallset ist immer beim Kind und alle betreuenden Erwachsenen werden in der Anwendung geschult.“Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

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