Ein langer Weg

„Ein langer Weg bis zum Adrenalin-Pen“

„Unser Sohn war 14 Monate, als er eines Abends im April plötzlich eine dicke Lippe bekam. Wir vermuteten einen Insektenstich und fuhren zum ärztlichen Notdienst. Nach einer Wartezeit von einer Stunde und mittlerweile dicker Backe hat uns der Arzt ein Antihistaminikum verordnet. Er vermutete eine allergische Reaktion und wenn diese sich nach dem Antihistaminikum verschlimmere, sollten wir in die Klinik fahren. Die Reaktion wurde schlimmer. Als die Augen zuschwollen, setzten wir uns ins Auto, dort begann er zu husten. In der Notaufnahme des Krankenhauses angekommen schickte man uns zunächst in ein Wartezimmer, damit wir hochwichtige Formulare ausfüllen konnten!! Da die Krankenschestern meine Sorgen nicht ernst nahmen, bin ich direkt zu einem Arztzimmer gegangen und habe dort geklopft. Nachdem ich die Symptome geschildert habe, kamen wir sofort an die Reihe. Plötzlich war die Plastikkarte nicht mehr so wichtig!!!  Wir blieben 2 Tage in der Klinik, ohne dass die Ärzte etwas diagnostiziert haben.
Zwei Wochen später waren wir auf einem Geburtstag, dort gab es Flips. Nachdem B. einen Flip gegessen hatte, bekam er wieder eine dicke Lippe. Sofort war mir klar, dass B. auf Erdnüsse allergisch reagiert, obwohl ich bis dorthin noch nie von so einer Allergie gehört hatte. Wundersamerweise verschwand die Reaktion nach der Antihistaminikumgabe. Es vergingen zwei Jahre ohne nennenswerte Zwischenfälle. Dann aß B. ein Plunderstück vom Bäcker, obenauf waren (so glaubten wir) Mandelsplitter. Weil diese Splitter so „scharf“ waren, spuckte B. sie direkt wieder aus. Er bekam kleine Quaddeln, die von selber schnell wieder verschwanden und seltsame, kommende und gehende Hautrötungen. Außerdem war er sehr müde. Da es früher Abend war, legten wir ihn zu Bett. Nach fünf Stunden hörte ich ihn husten. B. war sehr benommen und nölig, er hatte ein rotes, verquollenes Gesicht. Wir verabreichten die von der Kinderärztin verordneten Kortisonzäpfchen und riefen den Notarzt. Wieder Krankenhaus. Wieder keine eindeutige Diagnose, denn: bei so kleinen Kindern (damals war er noch zwei) könnten noch keine Blutuntersuchungen durchgeführt werden.
Wieder vergingen die Jahre, ohne Ernährungsberatung, ohne Anaphylaxieschulung und ohne Pen. Die Kindergartenzeit hat B. unbeschadet überstanden. Heute glaube ich, es grenzt an ein Wunder. Dann, kurz vor der Schule, befand sich auf einer Kindergartenfeier mit Eltern ein M&M zwischen den Haribos, den B. versehentlich aß. Er kam sofort zu mir und berichtete, dass er etwas Scharfes gegessen habe, zu diesem Zeitpunkt sah ich bereits die erste Quaddel im Nacken. Ich ließ mir zeigen, was er gegessen hatte und gab ihm sofort Fenistil und ein Kortisonzäpfchen. Auf dem Weg nach Hause wurde B sehr müde, also sind wir direkt ins Krankenhaus gefahren. Dort hatte er zunächste keine Symptome. Später jedoch, nach über einer Stunde im Krankenhaus, bekam er über den ganzen Körper verteilt riesige rote Quaddeln, die heftigst juckten. Nachdem Kortison nachgespritzt wurde, ließen die Quaddeln nach, auch sonst blieb alles unauffällig. Seit diesem Ereignis haben wir den Pen. Und endlich brauchbare Blutwerte. Und entsprechende Schulungen.
Seit 5 Jahren hatte wir keinen Erdnussunfall mehr und brauchten auch noch nie den Pen. Man kann also ohne Erdnüsse leben. Allerdings erfordert dies ein hohes Maß an Disziplin, Vertrauen ins Kind und auch Verzicht. Wir essen seltenst auswärts, weil mich das unter extremen Stress setzt. Wir fliegen nicht und machen keine Seereisen. Auch im Kino oder Variete ist Vorsicht geboten. Aber ich habe gelernt, dass man sich mit der Allergie arrangieren kann. Und dass es auch nicht schlimm ist, wenn man nicht mehr um die Welt fliegt. Denn auch mit dem Auto sind tolle Ziele erreichbar.“Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

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