Ein ganz normales Leben

„Wir führen ein ganz normales Leben“

„Unser Sohn war ein Jahr alt, als er am Frühstückstisch das erste Mal etwas Rührei mitgegessen hat. Kurz darauf war er am ganzen Körper voll mit juckenden roten Flecken und Pusteln. Ansonsten ging es ihm aber gut und der Ausschlag war nach wenigen Stunden auch wieder komplett weg. Da er durch meinen Mann und mich sowieso allergisch vorbelastet ist, haben wir einige Zeit darauf einen Allergietest (Bluttest) beim Kinderarzt machen lassen. Der Test war natürlich positiv auf Hühnereiweiß. Außerdem war der Test positiv auf Pollen, Gräser, Birke etc., Hundehaare sowie Soja, Milch, Erdnuss (damals Rast 5) und Haselnuss (Rast 4). Da er Sojasauce sowie Milchprodukte schon sehr oft gegessen hatte, konnten wir das schon mal ausschließen. Aber Nüsse hatte er bis dahin zum Glück noch keine bekommen. Unser damaliger Kinderarzt hat uns mit den Worten „geben sie ihm keine Erdnüsse und Haselnüsse“ nach Hause geschickt. Von Anaphylaxie und Notfallmedikamenten wussten wir damals noch nichts, und so haben wir ab dann einfach darauf geachtet, dass er nichts davon zu sich nimmt.
Als unser Sohn 3 Jahre alt war, haben wir den Kinderarzt gewechselt. Die neue Kinderärztin fragte direkt beim ersten Besuch, was wir denn für Notfallmedikamente hätten und ob wir schon eine Provokation im Krankenhaus gemacht hätten. Ich war völlig ahnungslos und wusste gar nicht so recht, von was sie da spricht. Und sie war doch sehr entsetzt, als sie hörte, dass unser Sohn fröhlich ohne Notfallset und wir ohne jegliche Info zu dem Thema durchs Leben spazierten. Ein erneuter Bluttest wurde gemacht und Erdnuss war auf Rast 6 angestiegen. Um die Sicherheit zu haben, ob er denn nun wirklich auf Erdnüsse reagiert oder nicht, wurde sofort ein Termin zur Provokation in der Kölner Uniklinik vereinbart. Gleichzeitig sollte da auch rohes Ei noch getestet werden. Glücklicherweise konnte unser Sohn aber bereits gekochtes Ei in jeder Form ohne Probleme essen. Mit der völligen Überzeugung, dass er weder auf das rohe Ei noch auf die Erdnuss reagieren wird, ging ich mit meinem Sohn für vier Tage zur Provokation ins Krankenhaus.
Wir wurden in der Kölner Uniklinik sehr sehr gut betreut und alles wurde uns genau erklärt. Der Hühnereiweißtest verlief, wie vermutet, völlig ohne Reaktion. Und dann kam der Erdnusstest. Bereits bei unter einem Gramm Erdnuss reagierte unser Sohn sofort und sehr heftig. Er bekam innerhalb von Minuten riesige Quaddeln am ganzen Körper, die ganze Haut wurde feuerrot, sein Atem begann zu pfeifen und er bekam einen Asthmaanfall. Außerdem war er nicht mehr ansprechbar. Die Ärzte stabilisierten ihn mit allem, was sie zur Verfügung hatten. Für mich war das natürlich ein schreckliches Bild. Etwa eine halbe Stunde später schien sich sein Körper zu beruhigen, das Kratzen hörte auf und die Sauerstoffsättigung stieg wieder an. Und dann ging das ganze wieder von vorne los und ein zweiter Schub kam, der noch heftiger war als der erste.
Als dann mein Sohn endlich ruhig schlief und die Überwachungsgeräte anzeigten, dass alles in Ordnung ist, sagten mir die Ärzte, dass wir unglaubliches Glück gehabt hätten, dass er nie außerhalb des Krankenhauses Erdnüsse gegessen hatte. Ohne das wichtige Notfallset und ohne das nötige Wissen hätte er wohl keine Chance gehabt….. Ich war total geschockt und wütend auf den ersten, fahrlässigen Kinderarzt. Wir hatten wohl mehr als nur einen Schutzengel und können der Hühnereiweißallergie nur dankbar sein! Ohne die wäre die Allergie vielleicht erst im Ernstfall erkannt worden.
Mit einem Notfallset und ganz vielen Infos sowie Adressen für eine Anaphylaxieschulung wurden wir einige Tage später aus dem Krankenhaus entlassen. Und so schrecklich diese Provokation auch war, sind wir trotz dem unglaublich froh, dass wir sie gemacht haben. Ich fühle mich sicherer im Umgang mit der Allergie und weiß die Reaktionen richtig zu deuten. Unser Sohn hat immer wieder leichtere Reaktionen auf alles mögliche und ich kann dank diesem Krankenhausaufenthalt eigentlich ganz gut damit umgehen. Auch für unseren Sohn war es wichtig, das durchgemacht zu haben. Er hat so einen tollen Umgang mit der Allergie und dem Essen, da können wir einfach stolz auf ihn sein. Und dank der Provokation konnte ich die Leute um uns rum auch klar davon überzeugen, dass er eben nicht nur vielleicht eventuell irgendwie auf Erdnuss reagieren könnte, sondern ich kann klar erzählen, was passiert, wenn er Erdnuss isst. Wir hatten noch nie Probleme mit ignoranten Leuten oder dass er was bekommen hat, was er nicht essen sollte.
Trotz der sehr heftige Reaktion und der allgegenwärtigen Gefahr führen wir ein ganz normales Leben. Wir lassen die Allergie nicht unseren Alltag bestimmen und wollen nicht, dass unser Sohn in ständiger Angst leben muss. Wir haben einen bewusst lockeren Umgang mit der Allergie. Wir gehen sehr oft auswärts essen, bestellen Essen nach Hause, fahren in Urlaub, kaufen Brot beim Bäcker und unser Sohn hat viele Freunde, die er regelmäßig besucht. Er geht ins Kino, auf Kindergeburtstage, macht Kindergartenfahrten mit und tut einfach all dass, was ein Fünfjähriger tun sollte. Natürlich fragen wir beim Bäcker und in den Restaurants nach. Natürlich darf er auch mal etwas nicht essen, wenn wir uns unsicher sind, und natürlich sind die Eltern seiner Freunde genau informiert und unser Sohn bringt zu einem Geburtstag schon mal seinen eigenen Kuchen mit. Aber die ganzen Abklärungen und Fragen und das Nachlesen auf Verpackungen wird bei uns nicht an die große Glocke gehängt. Es gehört einfach bei uns dazu, ist ganz normal und wir machen kein großes Ding draus. Und wirklich eingeschränkt oder benachteiligt haben wir uns durch die Allergie noch nie gefühlt.“Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

Kommentare sind geschlossen