Ausgrenzung im Kindergarten

„Außenseiterrolle im Kindergarten“

„Wir haben von Zoes Erdnussallergie erfahren, als sie ein gutes Jahr alt war. Wir hatten spontan den Uropa besucht, der gerade kochte und dabei eine Nussmischung naschte. Zoe hat sich auch ein paar Nüsse bzw.
Erdnüsse gemopst. Abends ging das Drama los: Hautausschlag, Atemnot und ab in die Kinderklinik, wo wir erst einmal zwei Tage verbrachten. Danach wurde ich aufgeklärt, dass Zoe eine Allergie gegen Erdnüsse hat und wir diese meiden sollten.
Ein Jahr lang ist alles gut gegangen. Ich habe fleißig die Inhaltsangaben und Spurenhinweise gelesen – es ist nichts weiter passiert.
Mit zwei Jahren kam Zoe dann in den Kindergarten. Und seither nimmt das Drama seinen Lauf. Drei Anfälle in sechs Monaten, jeweils mit Krankenhausaufenthalten. Und mit deutlicher Reaktionssteigerung von Anfall zu Anfall, aufgrund der kurzen Abstände. Wir haben leider mit der Kita überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht. Man hat sich anfangs geweigert, die notwendigen Medikamente zu verabreichen, bis ich eine ärztliche Verordnung vorgelegt habe. Inzwischen hat Zoe eine Notfalltasche, unter anderem mit Jext und Inhalationsgas. In der Handhabung der Notfallmedikamente habe ich das Personal eingewiesen, ein Gespräch bzw. eine Schulung bei unserem Kinderarzt steht leider immer noch aus. Gebetsmühlenartig erinnere ich daran…
Das Personal der Kita ist leider schlecht informiert (trotz meiner vielen Bemühungen) und überängstlich. Zoe wird oft von „Mahlzeiten“ ausgeschlossen, aus Angst ihr etwas Falsches zu geben, obwohl ich als Alternative eine Dose mit sicheren Lebensmitteln/Leckereien hinterlegt habe. Sie wird oft mit einem einzelnen Bonbon „abgespeist“, während die Kindergartenfreunde vor Keksen und Kuchen sitzen… Leider haben wir viele backfreudige Mütter in der Gruppe, die immer wieder Kuchen, Waffeln und Muffins mit in die Kiga geben – trotz eines Elternbriefes, in dem ich die Problematik erklärt habe, und trotz eines „Erdnussverbotes“, was der Kiga ausgesprochen hat (Danke hierfür!).
Offensichtlich ist vielen Eltern und ErzieherInnen leider immer noch nicht klar, wo überall Erdnuss drin sein könnte. Ich werde wohl einen zweiten Elternbrief schreiben, erst recht jetzt, wo ich erfahren habe, dass es Eltern aus den Nachbargruppen gibt, die beim Erdnussverbot nicht mitziehen wollen, und es für ihr Kind als Strafe empfinden, in der Leckerauswahl eingeschränkt zu sein.
Es gibt keine Woche, die unproblematisch im Kiga abläuft. Sei es, dass  ich Lebensmittel entdecke, die für Zoe gefährlich sein können, oder wieder einmal die gleichen Fragen gefragt werden, weil man auf Nummer
Sicher gehen will (z.B. ob Zoe das Obst essen darf) oder ich wieder Missverständnisse und Fehlinformationen aufklären muss, obwohl ich schriftliche Unterlagen zum Thema aushändige, die aber anscheinend nur
unzureichend gelesen werden.
Zum Teil kann ich die Erzieherinnen verstehen. Die Gruppen sind viel zu groß, es bleibt keine Zeit, auf solch eine spezielle Situation einzugehen, wie in unserem Fall erforderlich wäre, oder es erfordert zuviel Eigeninitiative der Erzieherinnen. Und doch: ich habe mich bei anderen Kindergärten in der Region erkundigt, wie dort mit einer solchen Problematik umgegangen wird, und bekomme hier einen wesentlich besseren
Eindruck. Und auch aus der Facebook-Elterngruppe gibt es immer wieder Berichte, wie gut es funktionieren kann. Das ist schön! Aber bei uns funktioniert es leider nicht.
Auch ein Gesprächstermin mit dem Vertreter der Stadt ergab nicht die gewünschte Verbesserung. Ich wurde als Mutter darüber aufgeklärt, dass der Kiga (angeblich) nicht die notwendige Sicherheit bieten kann und
wurde gebeten, mein Kind besser komplett zu Hause zu behalten. Darüber hinaus wurde mir empfohlen, einen Behindertenausweis für Zoe zu beantragen und einen Antrag auf Aufnahme in einem
integrativen Kindergarten zu stellen. Und einen Betreuer sollten wir beantragen (für den Fall, dass Zoe nicht zuhause bleiben kann), der Zoe bei den Mahlzeiten (die ich selbst koche) begleitet. Den gibt es für eine Allergie allerdings auch nicht!
Fazit: Ein Wechsel in eine andere Kita war mitten im Kindergartenjahr nicht möglich. Für uns war es nicht möglich, Zoe zuhause zu behalten. Also geht Zoe weiterhin in die Kita (ich glaube, ich brauche nicht zu
erwähnen, dass ich dabei jeden Tag ein ungutes Gefühl habe). Mit der Kita wurde vereinbart, dass ich Zoe zuhause lasse, falls es zu personellen Engpässen in der Kita kommt (so geschehen an Karneval und
an Ostern).
Nach einem Besuch eines integrativen Kindergartens haben wir uns dann doch entschlossen, Zoe dort anzumelden. Wir stehen auf einer Warteliste und hoffen, dass Zoe bald wechseln kann. Im schlechtesten
Fall wird dies jedoch erst zum August 2014 der Fall sein. Wir haben uns dazu entschlossen, da die Gruppen wesentlich kleiner und mit mehr Erziehern besetzt sind. Die Kinder bringen kein Essen mit. Alles wird von den Erzieherinnen eingekauft bzw. von der hauseigenen Küche gekocht, wobei Allergien u.ä. beachtet werden. Der Umgang mit Nussallergien bzw. Erdnussallergien ist dem Kiga bekannt. Die Verabreichung von Medikamenten ist kein Thema. Dort weiß man, wie es gemacht werden muss und das Personal ist auch nicht angstbehaftet. Darüber hinaus hoffe ich insgesammt auf einen Elternkreis zu stoßen, für den „Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Kinder“ kein Fremdwort ist.
Ich finde es natürlich nicht schön, dass ein Allergiekind aus einem Regelkindergarten ausgegrenzt wird. Eigentlich ist es kein Problem, ein Kind mit einer hochgradigen Allergie im Kindergarten zu betreuen. In unserem Fall habe ich jedoch den Eindruck, dass Zoe im integrativen Kiga wesentlich besser aufgehoben sein wird. Auf lange Sicht – und in Zeiten von anbrechender Inklusion – müssen Kigas andere Wege gehen und sich auch mit Kindern auseinandersetzen, die besondere Anforderungen stellen. Aber die Zeiten und das Umdenkvermögen – oder vielleicht auch einfach nur die Möglichkeiten – sind bei unserem Kindergarten wohl noch nicht angekommen. Und ich möchte mein Kind nicht länger als nötig in dieser Außenseiterrolle leiden lassen.
Generell möchte ich anderen betroffenen Eltern raten, sich schnell an einen Facharzt zu wenden. Der Kinderarzt ist meist nicht der richtige Ansprechpartner. Auch der Besuch bei einer Ernährungsberatung war für
uns hilfreich, die Teilnahme an einem Elternseminar steht noch aus. Und die Möglichkeit, sich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen ist sehr wichtig für uns und gibt uns viele neue Ansätze und Informationen.
Bei der Auswahl des Kigas und auch der Schule ist für mich nun elementar wichtig, wie mit der Problematik umgegangen wird und ob es vielleicht schon Erfahrungen mit anderen Erdnussallergiekindern gibt.
Für Zoe wünsche ich mir, dass sie trotz Allergie ein normales Leben leben kann, ohne Ausgrenzungen. Außerdem denke ich, dass es für sie zukünftig im integrativen Kindergarten auch eine gute Erfahrung sein
wird, dass es noch Kinder mit wesentlich schlimmeren Schicksalen gibt, die trotzdem in einen normalen Kindergartenalltag integriert werden.
Für mich wünsche ich mir weniger Arbeit, vor allem, was das Schreiben von Infos für ErzieherInnen und andere Eltern angeht.
Und für unseren bisherigen Kiga wünsche ich mir… so viel…
Allen anderen Eltern von betroffenen Kindern wünsche ich alles Gute und eine schöne Kindergarten- und
Schulzeit!“Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

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