Anaphylaktischer Schock

„Jo kam nach einer völlig normal verlaufenen Schwangerschaft pünktlich zum Termin nach einer komplikationslosen Geburt mit 52cm und 3500g zur Welt.
Das erste Lebensjahr verlief völlig normal, Jo hat sich gut entwickelt und lief schon mit 11 Monaten. Nur eine leichte Neurodermitis ist mit Einführung der Beikost aufgetreten, ein durchgeführter Pricktest war ohne Befund. Trotzdem haben wir ihm auf Anraten der Hautärztin keine Karotten mehr gefüttert und die Haut besserte sich.
Kurz vor dem ersten Geburtstag habe ich Jo einen Erdnussflip in den Mund gesteckt. Kurz darauf wurde er weinerlich und ich habe ihn ins Bett gelegt. Mir kam nichts merkwürdig vor, weil Jo zu der Zeit häufig noch mal ein Stündchen geschlafen hat. Kurz darauf hat er geschrien und sich heftig erbrochen, außerdem war er im Gesicht etwas angeschwollen und hat geschwitzt. Nachdem er gespuckt hat, wurden die Symptome weniger und wir waren etwas beruhigt.
Am nächsten Tag habe ich ihn unserem damaligen Kinderarzt vorgestellt und von meinem Verdacht auf eine Erdnussallergie berichtet. Der fand das aber abwegig und hat als Diagnose einen Virusinfekt vermutet. Er sagte zu mir, Erdnussallergien wären gerade in Mode und seiner Meinung nach überbewertet, wir sollten uns keine Sorgen machen. Glücklicherweise hat er uns aber ein Antiallergikum verschrieben.
Nach diesem Ereignis hat Jo immer mehr Allergien entwickelt, die Neurodermitis wurde so schlimm, dass er in eine Hautklinik musste, weil der niedergelassene Dermatologe nicht mehr weiter wusste. Außerdem hatte er ein beginnendes Asthma bronchiale, ständig irgendwelche Infekte, nach der MMRV-Impfung hatte er Impfmasern und Impfwindpocken. Die Windpocken sollten uns noch als therapieresistente Hautentzündungen lange begleiten.
Im Dezember 2009 kam es dann zu seinem ersten anaphylaktischen Schock. Bei Bekannten im Nachbarort standen Erdnüsse auf dem Tisch, er muss dann eine unter dem Tisch liegende gefunden haben. Er krabbelte kurz darauf auf meinen Schoss und fing an zu weinen. Da war das Gesicht schon angeschwollen und er wurde hysterisch. Wir haben ihm den Mund ausgespült und sind nach Hause gefahren, zu dem Zeitpunkt hab ich noch geglaubt, dass ihm das zuhause wartende Antiallergikum helfen kann. Auf der Fahrt, die ca. 5 min. dauerte, fing er an zu schreien, wie ich noch niemals zuvor ein Kind habe schreien gehört. Zuhause haben wir dann gesehen, dass sein Gesicht so angeschwollen war, dass es ihm nicht mehr möglich war die Augen zu öffnen. Wir haben sofort den Notarzt gerufen und einen allergischen Schock gemeldet. Das Antiallergikum war nutzlos, Jo konnte nicht mehr schlucken und kaum noch atmen. Zu dem Zeitpunkt hat er nicht mehr geschrien, sondern hing schlaff auf dem Arm des Vaters.
Als der Notarzt kam, sind fünf Menschen in unser Haus gestürmt und haben, ohne groß mit uns zu sprechen, das Ruder übernommen. Jo bekam Adrenalin und Sauerstoff. Ein Problem war, dass (wie bei anaphylaktischen Reaktionen häufig) keine Vene gefunden wurde. Irgendwann hat es dann am Fuß geklappt und er konnte endlich Medikamente intravenös bekommen. Als er einigermaßen stabil war, wurde er in den Krankenwagen gebracht. Dann ging es mit zwei Notärzten, Blaulicht und einer völlig geschockten Mutter in die Kinderklinik. Jo sah während der Fahrt ganz schlimm aus, total verquollen, sehr blass und er hat sich nicht mehr gerührt.
Im Krankenhaus hat er noch mehr Medikamente bekommen, dort hat er sich dann auch heftig erbrochen. Nach zwei Stunden ging es ihm deutlich besser und er konnte sein Zimmer beziehen. Nach zwei Tagen konnte er wieder heim und wir wussten, was Erdnusseiweiß anrichten kann.
Auf die Frage, warum Jo so schrecklich geschrien hat, bekam ich die Antwort: „Er hatte Todesangst.“
Auf die Frage, wann er desensibilisiert werden kann, bekam ich die Antwort: „Das geht bei Erdnüssen leider nicht.“
Die Frage, die wir uns seitdem stellen, ist: Wie kann man mit der ständigen Gefahr leben?
Das Erlebnis hat sich so in meine Erinnerung eingegraben, dass es bis heute noch nicht verblasst ist und ich noch heute das Gefühl habe, es ist gerade erst passiert. Ich weiß noch, wie der Notarzt aussah und dass seine Hände gezittert haben.
Wir waren wegen der Haut sowieso schon in einer Hautklinik/Allergologie in Behandlung und die Ärzte haben seine weitere Behandlung dann übernommen. Eine ambulante Reha konnte er dort machen und ich wurde rundum geschult, trotzdem fühle ich mich nicht sicher im Umgang mit seiner Erdnussallergie und auch nicht mit den vielen anderen Allergien.
Bei heftigen allergischen Reaktionen rufe ich heute immer den Notarzt, wie vor kurzem erst, als Jo auf einem Teppich gespielt hat, der mit Erdnusspartikeln kontaminiert war. Genauso, als er beim Nachbarn geholfen hat die Kaninchen zu füttern. In dem Futter waren Erdnussstücke, die dann entweder über die Haut oder weil er seine Finger in den Mund genommen hat, ihre Wirkung entfalten konnten.
Natürlich habe ich hier ein Notfallset und er bekommt dann auch gleich reichlich Kortisonsaft und ein Antiallergikum. Die Adrenalin-Spritze musste ich ihm glücklicherweise noch nie geben und hoffe auch, dass es nie nötig sein wird.
Inzwischen wissen wir, dass alle Werte, die seine Erdnussallergie betreffen, >100 sind, das Gesamt-IgE hat einen Wert von fast 3000, aber auch die Hausstaubmilbe macht ihm schwer zuschaffen.
Außerdem hat Jo noch Allergien gegen Baumnüsse, Milcheiweiß, Soja, Sesam, Hühnerei, Pferde, Katzen Lösungsmittel usw. usw.
Wir tun uns sehr schwer damit uns damit abzufinden, dass unser Sohn ein so eingeschränktes Leben führen muss und dass wir immer in Sorge sind.“

Alle Berichte geben persönliche Erfahrungen und Meinungen der jeweiligen Eltern mit ihren Kindern wieder. Es sind „O-Ton“-Berichte, die nicht unbedingt die redaktionelle Meinung und keine medizinischen Empfehlungen darstellen.

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