Nussfrei – ja oder nein?

„Acht Argumentationshilfen für einen erd-/nussfreien Klassenraum“

als pdf-Download: siehe unten!

Ist es wirklich notwendig, dass bei einem anaphylaxiegefährdeten Kind mit Erd-/Nussallergie alle anderen Kinder im Kindergarten oder in der Schulklasse auf Erd-/Nüsse verzichten?
Reicht es nicht, wenn das betroffene Kind selbst keine Erd-/Nüsse isst?
Haben Eltern nicht das Recht, über die Ernährung ihrer Kinder selbst frei zu entscheiden?
Darf der Kindergarten/die Schule da überhaupt eingreifen?
Die Meinungen darüber gehen auseinander. Bei wirklich hochgradigen Allergikern, die bereits anaphylaktische Reaktionen hatten oder bei denen die Blutwerte vermuten lassen, dass eine schwere Reaktion zu befürchten wäre, gibt es aufgrund der hohen Gefahr von Kreuzkontamination keine Alternative. Hinzu kommt die Tatsache, dass diese Kinder meist unter Ängsten aufgrund ihrer Allergie leiden, so dass neben der gesundheitlichen Beeinträchtigung auch eine seelische Beeinträchtigung zu befürchten ist – soll heißen: Ein erdnussallergisches Kind, das Erfahrungen mit anaphylaktischen Reaktionen gemacht hat und in dessen Nähe im Klassenraum Erdnüsse verzehrt werden, fühlt sich zutiefst verunsichert und bedroht, es verlässt wahrscheinlich panisch den Raum und kann nicht am Unterricht teilnehmen. Situationen, in denen ein solches Kind „aus Spaß“ mit einem Snickers bedroht wird, bedeuten Todesangst für das betroffene Kind. All dem kann man entgegenwirken, indem man von vornherein alle Lehrer*, Kinder und Eltern über die Lebensgefahr für das betroffene Kind aufklärt und sie mit ins Boot holt.
Die anderen Kinder haben übrigens meistens keine Probleme damit. Für sie ist es normalerweise völlig selbstverständlich, dass sie ihre/n Mitschüler/in nicht in Lebensgefahr bringen wollen. Es sind die LehrerInnen oder ErzieherInnen und die Eltern, die oftmals – trotz Aufklärung und klaren Worten – ein Erd-/Nussverbot als überflüssigen und massiven Eingriff in die Entscheidungsfreiheit und als starke Beeinträchtigung der nicht-betroffenen Kinder ansehen.

ALLERDINGS: Es gibt ganz viele Beispiele von Kindergärten und Schulen, in denen LehrerInnen und ErzieherInnen sowie Eltern und Kinder alles dafür tun, das allergische Kind nicht zu gefährden und es in alle Aktivitäten einzubeziehen. Denen sei an dieser Stelle ein herzliches DANKE ausgesprochen, denn sie wissen vermutlich gar nicht, was das für das Kind und seine Eltern bedeutet!

Acht Argumentationshilfen für einen erd-/nussfreien Klassenraum* (pdf-Download)

1. Warum sollen alle Kinder auf Erd-/Nüsse verzichten, nur weil EIN Kind allergisch ist?
Die anderen Kinder müssen nicht generell auf Erd-/Nüsse verzichten. Sie werden nur gebeten, bei fünf Mahlzeiten bzw. Pausensnacks pro Woche darauf zu verzichten. Zu den restlichen ca. 30 Mahlzeiten/Snacks pro Woche können sie so viele Erd-/Nüsse verzehren, wie sie möchten.

2. Es sollen nicht alle Kinder darunter leiden, dass ein Kind eine Einschränkung hat!
Inklusionsgedanke: Alle Kinder haben das Recht auf ungefährdetes gemeinsames Lernen in einer sicheren Umgebung. Eine Schulklasse* ist eine Solidargemeinschaft, in der die Kinder lernen, dass sie füreinander da sind und zusammenhalten. Den Kindern selbst fällt es nicht schwer kurzzeitig auf etwas zu verzichten, wenn sie wissen, dass das Leben eines Kindes aus ihrer Klassengemeinschaft gefährdet würde. Meist sind es die Eltern, die ihre Bedürfnisse auf die Kinder übertragen. Ein Kind im Rollstuhl braucht eine Rampe, ein Kind mit Anaphylaxierisiko braucht einen erd-/nussfreien Klassenraum!

3. Dies ist ein freies Land! Niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich mein Kind ernähre!
Das ist richtig. Grundsätzlich darf jeder selbst entscheiden, wie er sein Kind ernähren möchte. Aber die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo das Leben eines anderen gefährdet wird. Unser freies Land ist kein rechtsfreier Raum. Eine Schule* ist eine Einrichtung, die einen öffentlichen Erziehungs- und Bildungsauftrag wahrnimmt. Eine Grundlage hierfür ist die in der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ festgeschriebene Inklusion. In Artikel 24 (2) c) heißt es, dass in Schulen „angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden“. Der „erd-/nussfreie Klassenraum“* ist eine solche angemessene Vorkehrung, die niemandem schadet.

4. Erd-/Nüsse sind aber ein gesunder Snack; sie liefern wertvolle Proteine für mein Kind!
Gesunde Snacks sind auch Vollkornbrot, Obst, Rohkost, Rosinen, Sonnenblumen- oder Kürbiskerne. Durch einen Erd-/Nussverzicht im Klassenraum* muss das Kind nicht auf Proteine verzichten. Zum einen dienen auch Milchprodukte, Wurst etc. als Proteinlieferanten, zum anderen handelt es sich lediglich um die Mahlzeiten in der Schule*. Zu Hause kann das Kind Erd-/Nüsse als Proteinlieferant essen.

5. „It’s a nutty world“ – Wir leben nicht in einer nussfreien Welt. Die Kinder müssen lernen, mit Erd-/Nüssen umzugehen und für sie gefährliche Situationen einzuschätzen.
Der Umgang mit Gefahrensituationen ist ein Lernprozess, der mehrere Jahre entsprechend der altersgemäßen Entwicklung des Kindes andauert. Außerhalb der Schule* erlebt das Kind ständig Situationen, in denen es unter Begleitung seiner Eltern den Umgang lernen kann – in der Schule* ist es nicht begleitet, sondern nur gefährdet, bis es alt genug ist, selbst damit umzugehen.

6. Ein erd-/nussfreier Klassenraum* vermittelt dem Kind (und den Eltern) ein falsches Sicherheitsgefühl.
Ein erd-/nussfreier Klassenraum* bedeutet keine Sicherheit, sondern lediglich eine Risikominimierung für ein Kind, das noch nicht selbst auf sich aufpassen und sich vor allem nicht selbst helfen kann.

7. Allergien sind gerade in Mode! Sollen jetzt auch alle auf Lactose, Gluten und Zitrusfrüchte verzichten?
Es stimmt, dass die Anzahl der Kinder mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -allergien zunimmt. Allerdings handelt es sich bei den Unverträglichkeiten, wie z.B. Lactoseintoleranz, um völlig andere biologische Abläufe, und auch die meisten Allergien gegen Obst und Nüsse lösen als Kreuzallergie zu Pollen vergleichsweise harmlose Symptome aus, die ausschließlich beim Verzehr des Lebensmittels auftreten. Wenn es sich aber um eine „echte“ (primäre) Nahrungsmittelallergie handelt, können schon kleinste Mengen über Schleimhautkontakt, Hautkontakt oder Einatmung lebensbedrohliche Symptome auslösen. Das, was andere Kinder essen, kann für ein hochgradig allergisches Kind gefährlich werden.

8. Das ist doch alles total übertrieben! Damit machen Sie den anderen Eltern doch nur Angst!
Anaphylaktische Reaktionen sind nicht übertrieben, sondern Fakt. Andere aufzuklären ist nicht übertrieben, sondern notwendig. Niemand kann vorhersagen, wie eine Reaktion beim nächsten Mal ablaufen wird. Warum schnallen Sie Ihr Kind im Auto an? Weil Sie davon ausgehen, dass Sie auf dieser Fahrt einen tödlichen Unfall erleiden werden? Nein, Sie schnallen Ihr Kind an, weil Sie um die potenziellen Gefahren wissen und es so gut wie möglich absichern und schützen wollen. Zusätzlich fahren Sie vorsichtig und hoffen, dass es die anderen auch tun, damit es möglichst gar nicht erst zum Unfall kommt. Dabei geht es um Sicherheit und Rücksichtnahme, nicht um Übertreibung und Angstmacherei. Genauso bitten wir Sie für unser Kind um Sicherheit und Rücksichtnahme, indem wir über das Krankheitsbild Anaphylaxie informieren und um einen erd-/nussfreien Klassenraum* bitten.

* Für die bessere Lesbarkeit werden ErzieherInnen, schulische BetreuerInnen und LehrerInnen in dem Wort „LehrerInnen“ zusammengefasst; ebenso bezieht sich der Begriff „Klassenraum“ auch auf den Gruppenraum im Kindergarten und Betreuungsräume in der Schule.

Gemeinsames Essen als soziales Ritual

Originaltext: Catharine Alvarez, „Social Consequences of Food Allergy“, erschienen am 07.01.2013 auf http://www.creativitypost.com/psychology/social_consequences_of_food_allergy (Übersetzung: K. Schmidt)

Der Originaltext kann über den Link gelesen werden. Ich hoffe, die deutsche Übersetzung hier bald wieder einstellen zu können.

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