Kindergarten & Schule

Erdnussallergie / Baumnussallergien und Anaphylaxie
in Kindergarten und Grundschule

Geht das überhaupt?

Ja! Anaphylaxiegefährdete Kinder können und sollen „ganz normal“ in den Kindergarten, in die Schule und die Nachmittagsbetreuung gehen – auch wenn manche Einrichtungen und ErzieherInnen/LehrerInnen* zunächst ablehnend reagieren und keine Notfallmedikamente verabreichen wollen. Diese Ablehnung ist völlig verständlich und beruht auf diffusen Ängsten durch Unwissenheit und eine z.T. ungeklärte Rechtslage. Durch Aufklärung, klare Vereinbarungen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Einrichtung lassen sich diese Vorbehalte abbauen, so dass der Alltag für alle problemlos ablaufen kann.

Schulalltag* – (fast) alles geht!

Auch ein anaphylaxiegefährdetes Kind kann problemlos an allen Bereichen des Schulalltags* teilnehmen, wenn allen Beteiligten die A-N-A-phylaxie bewusst ist:
A-llergenvermeidung beim Kind und im Klassenraum, damit es erst gar nicht zu einer allergischen Reaktion kommt.
N-otfallplan, in dem nach ärztlichen Vorgaben das Verhalten im allergischen Notfall klar geregelt ist.
A-ktion, d.h. jeder weiß durch regelmäßige Schulungen, was im Notfall zu tun ist.

Erste Hilfe: Adrenalin-Autoinjektor

Jede Person ist gesetzlich verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten – auch LehrerInnen*. Da eine anaphylaktische Reaktion innerhalb von Minuten – also noch vor Eintreffen des Notarztes – lebensbedrohlich verlaufen kann, kann das Notfallmedikament Adrenalin-Autoinjektor als (erweiterte) Erste-Hilfe-Maßnahme betrachtet werden. Dabei stehen LehrerInnen* unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung (vgl. DGUV:„Medikamentengabe in Schulen, Neuauflage Juli 2014). Ein ärztliches Attest, ein Notfallplan sowie eine von den Eltern unterschriebene Haftungsausschlusserklärung und regelmäßige Schulungen mit dem Trainingspen geben den LehrerInnen* zusätzliche Sicherheit.

Prävention: Erd-/Nussfreier Klassenraum*

Da ein allergischer Notfall lebensbedrohlich sein kann, sollte man möglichst alles dafür tun, dass es erst gar nicht erst zu einem solchen Notfall kommt! Je nach Ausprägung der Allergie muss das betroffene Kind Spuren von Erd-/Nüssen meiden, d.h. es darf keine Lebensmittel mit Spuren verzehren und sollte auch den sonstigen Kontakt mit Spuren über Kreuzkontamination vermeiden.
Die offensichtliche Lösung wäre es, einfach alle Nahrungsmittel aus dem Klassenraum* zu verbannen. Aber Essen ist nicht nur ein Grundbedürfnis, es ist zugleich eine soziale Handlung: Anderen selbst zubereitetes Essen anzubieten und es mit ihnen zu teilen bzw. selbst zubereitetes Essen von anderen angeboten zu bekommen und anzunehmen empfinden wir als Zeichen der Gastfreundschaft und Zuneigung. Gemeinsames Essen verschafft ein Gemeinschaftsgefühl; beim Essen sitzen wir zusammen, genießen zusammen, sprechen miteinander… Das empfinden und wollen Kinder mit Nahrungsmittelallergien ebenso wie alle anderen Kinder. Sie wollen Teil der Gemeinschaft sein und nicht in einer Sonderrolle die Extra-Süßigkeit, den eigenen Kuchen und das Sonder-Eis essen. Der Idealfall ist also, dass alle Kinder nur „sichere“ Lebensmittel ohne Spuren von Erdnüssen/Nüssen mitbringen und (ggf. gemeinsam) verzehren!
Da dies nicht immer geht, sollte zumindest sichergestellt sein, dass der Klassenraum* erd-/nussfrei ist, indem alle Kinder auf Erdnüsse/Nüsse und erd-/nusshaltige Lebensmittel verzichten, um die Gefahr der Kreuzkontamination zu minimieren. Praktische Lösungsansätze
Das Kind trainiert:

  • nur die eigenen, mitgebrachten bzw. von den Eltern freigegebenen Lebensmittel zu verzehren und keine Lebensmittel mit anderen zu tauschen,
  • vor jeder Mahlzeit die Hände zu waschen,
  • nur aus dem eigenen Becher/der eigenen Trinkflasche zu trinken und nur eigenes Geschirr und Besteck zu benutzen,
  • sich von Nüssen fernzuhalten und einem Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn in seiner Nähe Nüsse gegessen werden,
  • einem Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn es sich unwohl fühlt,
  • sein Handy zu benutzen, um im Notfall Hilfe zu holen.

Die Eltern der anderen Kinder können in einem Elternbrief und bei Elternabenden gebeten werden, auf Lebensmittel mit Erdnüssen/Nüssen als Zutat zu verzichten.

Was können Sie tun?
Als Eltern eines Kindes mit Erdnussallergie/Baumnussallergien können Sie:

  • sich für Inklusion an Ihrer Schule einsetzen und über Allergien aufklären
  • ausgrenzende Situationen entschärfen, indem Sie freiwillig anbieten, sicheres Essen für alle mitzubringen
  • Ihr Kind darin unterstützen, für sich selbst zu sprechen und sich selbst zu behaupten

Als LehrerIn* können Sie:

  • entscheiden, nur noch Projekte und sonstige Aktionen ohne die Verwendung von Lebensmitteln durchzuführen sowie nur noch „Non-Food“-Belohnungen zu verteilen (s.u.)
  • dafür werben, dass es bei Festen und Feiern mehr um Aktivitäten als ums Essen geht
  • Kinder mit Nahrungsmittelallergien darin unterstützen, für sich selbst zu sprechen

Als Eltern eines Kindes ohne Erdnussallergie/Baumnussallergien können Sie:

  • sich dafür entscheiden, bei Feiern und Geburtstagen Ihrem Kind kleine „Mitgebsel“ (s.u.) anstatt Süßigkeiten und Kuchen mitzugeben oder Süßigkeiten und Kuchen vorab mit den Eltern des allergischen Kindes abzusprechen, so dass alle gemeinsam essen können
  • sich bemühen, das allergische Kind in soziale Aktivitäten außerhalb der Schule einzubeziehen
  • Ihren eigenen Kindern ein Vorbild in Sachen Solidarität für Kinder mit Allergien oder anderen Einschränkungen sein, indem Sie den erd-/nussfreien Klassenraum unterstützen und sich nicht über die Allergie lustig machen

Im Klassenraum:
Frühstückspause: das Kind isst nur sein eigenes Frühstück
Klassenfrühstück (z.B. vor den Ferien): Die Eltern werden im Anschreiben an Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse erinnert; das Kind bringt sein eigenes Frühstück mit
Geburtstage: das Kind hat in der Klasse eine Box mit sicheren Süßigkeiten, aus der es sich etwas nehmen darf; nach Absprache mit den Eltern bringt das Geburtstagskind etwas mit, das das allergische Kind auch essen darf; das Geburtstagskind bringt nichts Essbares, sondern andere Kleinigkeiten mit (s. Liste)
Karnevalsfeier, Weihnachtsfeier: Die Eltern werden im Anschreiben an Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse erinnert; das allergische Kind bringt seine eigenen Knabbereien/Plätzchen mit
Basteln: unproblematisch, solange nicht mit Erdnüsse/Nüssen oder Verpackungen von Nüssen (z.B. Müslikartons, Nussschalen) gearbeitet wird
Musikinstrumente: das Kind teilt bzw. benutzt keine Blasinstrumente, die andere Kinder im Mund hatten, kann aber z.B. eine eigene Flöte mitbringen
Unterrichtsthemen, die sich mit Lebensmitteln beschäftigen, z.B. Backrezepte, sensorische Experimente: Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse; Absprache mit den Eltern

Außerschulische Lernorte:
Sporthalle/Schwimmbad: Notfallmedikamente mitnehmen
Ausflüge (z.B. Wald, Theater, Zoo, Museum etc.): ggf. werden die Eltern im Anschreiben an Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse erinnert; Notfallmedikamente mitnehmen; ggf. Elternbegleitung
Eisdielenbesuche sollten vermieden werden, wenn das allergische Kind nicht in einer Eisdiele essen kann; alternativ könnte es sich in einem benachbarten Geschäft ein vorher abgesprochenes Eis kaufen
Klassenfahrt: ggf. Elternbegleitung; Planung und Absprachen mit der Küche vor Ort durch die Eltern, ggf. eigene vorgekochte Mahlzeiten mitbringen; die Eltern werden im Anschreiben an Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse erinnert; die Kinder bringen keine eigenen Süßigkeiten und Knabbereien mit, sondern es wird „zentral“ für alle eingekauft und dann vor Ort verteilt

Betreuung:
Mittagessen: das Kind isst nur sein eigenes mitgebrachtes Essen; bei Catering: Absprache erd-/nussfreier Mahlzeiten
sonstiges Nahrungsangebot von Seiten der Betreuung: Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse bzw. erdnuss-/nusshaltige Speisen
Projekte: Verzicht auf Erdnüsse/Nüsse; enge Absprache mit den Eltern (z.B. könnten die Eltern des betroffenen Kindes bei einem Backprojekt die Zutaten einkaufen)

Vorsicht: Tierfutter kann Erd-/Nüsse enthalten!

Non-Food-Alternativen zu Süßigkeiten und Kuchen bei Geburtstagsfeiern

„Mitgebsel“, z.B.
–       Aufkleber, Tattoos, Buttons
–       besondere Bleistifte, Radiergummis, etc.
–       Pixibücher
–       Murmeln, Würfel, Kreisel
–       Seifenblasen, Luftballons
–       Haarspangen, Ringe, Armbänder
–       Bastelmaterialien, Bastelbögen, Bastelanleitungen (z.B. für magische Würfel)
–       Rätselbögen (z.B. Malen nach Zahlen, Scherzfragen, kleine Zettel mit Witzen)
–       Blumensamen zum Selberpflanzen
–       bunte Motivtaschentücher
–       Leuchtsterne zum Aufkleben
* Für die bessere Lesbarkeit werden ErzieherInnen, schulische BetreuerInnen und LehrerInnen in dem Wort „LehrerInnen“ zusammengefasst; ebenso bezieht sich der Begriff „Klassenraum“ auch auf den Gruppenraum im Kindergarten und Betreuungsräume in der Schule.

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